#4 Einwände gegen einen Neuanfang

Wenn man jenseits der 30 nochmal einen beruflichen (oder auch privaten) Neuanfang plant, wird man von Kollegen, Freunden und der Familie oft mit Reaktionen des Schreckens konfrontiert. Gerade in Deutschland ist es leider immer noch die Erwartungshaltung, sich mit spätestens 25 für einen Beruf zu entscheiden und diesen dann gefälligst auch bis zur Rente auszuüben (am besten bei der gleichen Firma, oder wenigstens in der gleichen Region). Dies ist nicht nur absurd, sondern auch schädlich für Innovation und unser privates Glück. Dies ist eine Sammlung von 5 häufigen Einwänden und was man davon halten sollte.

Aber du hast doch einen guten Job

Wenn man irgendeine Festanstellung jenseits von Mindestlohn inne hat, kommt garantiert dieser Einwand. Du hast einen Job, für den du jeden Monat Geld überwiesen bekommst, also warum willst du etwas Anderes machen? Der einzige legitime Grund für einen Jobwechsel ist der Wechsel in einen Job mit noch mehr Gehalt. Diese Argumentation scheint nicht aufzugreifen, dass es neben Geld auch noch andere Faktoren gibt, die wichtig sind: persönliche Interessen, Kollegen, langfristige berufliche Aussichten, der Arbeitsort und damit verbundene Wohnort, Freizeit. Dass all dies Bestandteile eines „guten Jobs“ sind, sollte eigentlich klar sein, da wir Menschen sind und keine Roboter.

Du bist zu alt für einen Neuanfang

Bei fast jedem jenseits der 30 kommt das Altersargument. So als würde die Fähigkeit, etwas Neues zu erlernen, dann auf einen Schlag verloren gehen. Dabei hatten sehr viele große Unternehmer, Künstler und Wissenschaftler vergleichsweise spät ihren Durchbruch. Eine der bedeutsamsten Künstlerinnen der USA, Anna Mary Robertson Moses („Grandma Moses“), begann in den 1940ern mit 76 Jahren ihre Karriere als Malerin – nachdem sie Jahrzehnte lang Bäuerin, Hausfrau, Mutter und Großmutter in sehr einfachen Verhältnissen war. Ihre Gemälde hängen heute im Weißen Haus und im Metropolitan Museum of Art, New York. Und du sollst mit 40 zu alt sein, etwas Neues zu lernen?

Das kannst du doch gar nicht!

Dass man etwas noch nicht perfekt kann, wenn man es nicht schon lange geübt hat, ist eine banale Feststellung. Dass man etwas nicht potentiell lernen kann, ist fast schon eine Beleidigung. Wenn du aber nicht ausgerechnet vorhast, im Alter von 40 Jahren Profi-Ballerina beim russischen Staatsballett zu werden, ist dein Vorhaben vermutlich durchaus realistisch. Gerade langjährige Kollegen, die Familie und enge Freunde haben oft extreme Schwierigkeiten, dein Potential richtig einzuschätzen. Sie haben dich einem bestimmten Kontext kennengelernt und können sich nicht vorstellen, wie du etwas ganz Anderes machst. Das liegt in der Natur des Menschen, weil wir automatisch Personen in Kategorien einordnen. Die Konsequenz ist allerdings, dass man sich am besten neutralere Personen als Ansprechpartner sucht und nicht nur das Feedback von Family & Friends einholt.

Willst du wirklich alles wegwerfen, wofür du gearbeitet hast?

Das Sunk Cost Argument. Mit der „Sunk Cost Fallacy“ bezeichnet der Ökonom den Fehler, mit etwas weiterzumachen, nur weil man bereits etwas darin investiert hat und nicht etwa, weil es die beste Strategie zur Erreichung eines Ziels ist. Ein Beispiel dafür ist ein Student, der im 2. Semester sein verhasstes Studienfach nicht mehr wechseln will, weil schon 5 Klausuren bestanden wurden. Oder auch der Unternehmer, der ein Produkt wegen den hohen Entwicklungskosten weiterhin auf den Markt bringen will, obwohl alle Zielgruppenstudien keinen Erfolg versprechen. Im beruflichen Kontext ist die Sunk Cost Fallacy besonders häufig. Man hat so hart für seine Position gearbeitet, warum sollte man jetzt alles aufgeben bei Null anfangen? Neben allen anderen Antworten darauf (echte Interessen verfolgen, Stärken endlich anwenden etc.) wird der wichtigste Punkt oft vergessen: man fängt überhaupt nicht bei Null an. Ein 45-jähriger Anwalt, der ein Töpferstudio eröffnen will, fängt nicht bei Null an. Er hat wertvolle Lebenserfahrung gesammelt, ist ein hervorragender Netzwerker, Analytiker, Verkäufer und bringt vermutlich etwas Kapital mit. Das ist kein „Punkt Null“, sondern ein Spurwechsel auf der Autobahn.

Dieser kleine Artikel war hoffentlich hilfreich für alle, die noch mit sich hadern und sich mit diesen Einwänden konfrontiert sehen. Man sollte natürlich nicht jedes Vorhaben impulsartig und ohne Strategie verfolgen. Die Beweggründe, etwas nicht zu verfolgen, sollten allerdings ebenfalls rational begründet und nicht einfach das Resultat von Angst und Vorurteilen sein.

#Anfangen

#Motivation

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